imm cologne · 40 Jahre Visiona 2

Autor: Bianca KILLMANN Posted in Spezial

40 Jahre Imm Cologne. 40 Jahre Visiona 2.

 

 

 

Zur Kölner Möbelmesse 1970 präsentierte Bayer in Kooperation mit dem dänischen Designer Verner Panton dessen Visiona 2 – eine geradezu atemberaubend in Farben und Formen schwelgende Wohninszenierung. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums haben wir uns diesen viel diskutierten Entwurf noch einmal angesehen.

„Barbarella“ im Kino und die Mondlandung in den Fernsehnachrichten. Es gab einmal eine Zeit, da lag die Zukunft so nah, dass man sich geradezu in sie hineinkuscheln konnte. Wohnlandschaft hieß das Zauberwort, das in den Swinging Sixties des vorigen Jahrhunderts eine von allen Konventionen befreite sinnenfrohe Lebensform versprach. Und Polyurethan, Polyester, Polypropylen etc. hießen die Alleskönner aus der Chemie-Retorte, die dem technologischen Fortschritt wie dem ökonomischen Aufschwung und dem gesellschaftlichen Wandel eine völlig neue Designperspektive verliehen: knallbunt und drallrund, Lust schlägt Vernunft.

Man bräuchte Seiten, um auch nur stichwortartig zu rekapitulieren, was sich im Jahrzehnt der „Kinder von Karl Marx und Coca Cola“ zwischen Pariser Mai und Mondlandung, zwischen Carnaby Street und Woodstock alles zugetragen, um nicht zu sagen: überstürzt hat. Mit unbändiger kreativer Energie wurde Alltagskultur zum alternativen und avantgardistischen Leitmedium hochgepusht. So zog, dank unbändiger Technologie-Euphorie, eine kleine Portion Design-Utopia sogar in jedermanns Wohnung ein: als Sputnik-inspirierte kugelrunde Radios, Wecker, Lampen; oder als Sessel und Sofas, die sich mit ihrer Sitzhöhe dem studentischen Matratzenlager näherten und die bürgerliche Sitz-Façon mit lässigem Lümmeln unterliefen.

Ihren spektakulären Höhepunkt erreichte die Design-Ära in den Visiona-Ausstellungen, mit denen die Bayer AG Ende der 60er, Anfang der 70er Furore machte. Ursprünglich hatte der Chemie-Gigant das Rheinschiff „Loreley“ nur gechartert, um gleich neben der Kölner Möbelmesse mit einer Heimtextil-Ausstellung Werbung für seine Kunstfaser Dralon zu machen. Doch nachdem der Däne Verner Panton (1926 – 1998) im Jahr 1968 das Ausstellungsarrangement übernommen hatte, änderte sich die Perspektive auf einen Schlag. Mit dem Engagement von futuristischen Wohninszenierungen, die ihrem Namen Visiona alle Ehre machten.

Vor allem die Visiona 2, 1970 von Panton in Szene gesetzt, sollte zum bis heute berückenden Symbol für jene Jahre avancieren. Das immer wieder reproduzierte Foto zeigt eine in satte Blau und Rot-Töne getauchte Wohnhöhle voll weicher Ausbuchtungen und züngelnder Vorsprünge aus Boden, Wand und Decke, so dass man kaum noch weiß, ob, wo und wie sich da einer in einer unterirdischen Höhle oder in einem intergalaktischen Timetunnel niederlassen sollte. Eine zur Sitzlandschaft mutierte Hasch-Halluzination?

So Sixties-gemäß die psychedelische Assoziation sein mag: Marianne Panton, die zutiefst mit seinem Werk verbundene Witwe des Designers, hat kürzlich in einem Interview mit form-Chefredakteur Gerrit Terstiege diesen Verdacht ebenso entschieden beiseitegeschoben wie die Interpretation der Wohnhöhle als Uterus: „Unsinn“, sagt sie, „Verner wollte einfach alle Sinne ansprechen.” Deshalb, so Marianne Panton, hatte auch jeder Raum „seine eigene Klang- und Farbstimmung, seinen eigenen Duft“.

Interior-Design als ganzheitlicher Erlebnisraum. Leider ist davon nichts mehr erhalten. Als das Vitra Design Museum dem Gestalter (der für und mit der Firma Vitra die Stuhl-Ikone des Jahrzehnts, den hinterbeinlosen, elegant ausschwingenden Panton Chair entwickelt hat), Anfang 2000 eine umfassende Retrospektive widmete, konnte es die legendäre Wohnhöhle nur in einem Nachbau zeigen, von den anderen Räumen ganz zu schweigen. Aber es gibt Foto- und Filmdokumente — zwei kurze Video-Sequenzen sogar im Internet bei YouTube. Da kann man der Kamera durch ein paar Räume folgen. Meistens sind sie, Panton-typisch, in eine chromatische Licht-Dusche getaucht, und immer laden sie zum Relaxen in Bar-Atmosphäre ein. Pantons Visiona-Vorgänger, der technologieversessene Joe Colombo, hatte die damals angesagte Überwindung der architektonischen Grundrisse mit autonomen und mobilen Funktionscontainern für Wohnen, Kochen, Schlafen, Hygiene angestrebt. Die Wohnung als futuristische, technisch aufgerüstete Wohnmaschine.

Ganz anders der Design-Showmaster aus dem kühlen Norden. Wohnen hatte für Panton nur eine Dimension: entspannen, sich wohlfühlen in einer Alternative zum steif möblierten Wohnzimmer. Küche und Bad wischte er hinweg mit dem Argument, dass dergleichen Funktionen in Zukunft gemeinschaftlich geregelt würden – von wem und wie auch immer.

In dem Bayer-Video, in dem ein schickes junges Paar durch den Tunnel und durch verhaltener modellierte und möblierte Raumzonen in Grün und Lila und Spiegelglanz wandert, fragt die junge Frau: „Ist das nicht eher was für eine Diskothek oder so?“ Ihr Begleiter kontert sanft: „Du fühlst dich doch wohl, oder?“, um mit einer Banalität nach der anderen auszuführen, was alles toll ist an diesem „echten Vorschlag für ein neues Wohnen“: vor allem die „bi-elastische“ Bayer-Faser Dralon macht’s möglich. Biedersinniger geht’s nimmer.

Panton hätte solche Promotion nicht nötig gehabt. Vom Spiegel Redaktionshaus bis zur eigenen Wohnung in Basel machte er mit so viel Fantasie wie Bodenhaftung aus Vision Wirklichkeit. Und sein Produktdesign in den Paradedisziplinen Stühle und Lampen: Wenn es noch nicht reediert wird, gehört es auf den Design-Märkten zu den umschwärmten Favoriten. Vielleicht auch, weil wir heute so innovationsskeptisch sind, dass Zukunft weniger Verheißung als Bedrohung bedeutet?

Quelle: koelnmesse.