Lsd zum Lunch

Autor: Bianca KILLMANN Posted in Spezial

Spiegel Kantine in Hamburg, LSD zum Lunch.

Medienkantinen im Test: Alles so schön bunt hier – Harald Fidler interveniert sich in die jedenfalls optisch legendäre Spiegel-Kantine.

Es war nicht das erste Mal, aber jetzt pressierte es, darüber zu schreiben: Schon stehen die zwei gewaltigen Tortenecken, die von der Ericusspitze spitzeln, wenn auch nach erstem Augenschein mit recht popeligen Fenstern.

 

Psychedelischer Pausenraum

Das heißt: Die legendäre Spiegel-Kantine von Verner Panton aus 1969, unten am ersten Spiegel-Hochhaus (s. Spiegel Redaktionshaus) in Hamburg steht nicht mehr lange so. Zwar vermuten meine Tischgenossen in dem psychedelischen Pausenraum, dass das irre Interieur mit übersiedelt in die angeblich dreistöckige Kombüse in der neuen Hafencity. Aber Kinder, so original bunt kommen wir nicht mehr zusammen, das kann ich schon mal sagen.

So muss sich LSD zum Lunch anfühlen, jedenfalls optisch. Auf die Gefahr, dass ein ansatzweise Farbverwirrter von Buntheit berichtet: Drei Räume mit wilder Pyramidendecke, in orange, rot und violett, und ebensolchen Wänden und dann auch noch einer knubbeligen Kaffeebar, die diese Töne zusammenführt und noch ein paar weitere dazumischt. Der Espresso wirkt nur, wie er auch anderswo wirkt, wenngleich er anständig gebraut ist, soviel kann ich auch sagen.

 

Sterne sehen

Meine Informantin verrät mir: Alfred Freeman kocht hier, früher Sternekoch, heute immerhin laut Verkostung von ichweißnichtwem die zweitbeste Kantine Deutschlands, nach einem Offizierscasino. Das legt die Latte natürlich hoch. Ich könnte natürlich auch à la carte wählen, aber das dauert, und ich will ja essen wie ein kleiner Spiegel-Redakteur. Naja, “Spiegel”-Redakteure sind natürlich immer groß. Also sagen wir: Wie ein Spiegel-Dokumentaristinnen-Azubi. Oder ein “Spiegel Online”-Programmierhelfer. Oder eine Spiegel TV-Reisemagazinbastelpraktikantin. Egal, ich schweife ab.

 

Griechisches Nein

Thai-Nudeln mit Scampi und Huhn, Gemüse, Kokos-Currysauce mit 2.900 Kilojoule? Immerhin Fisch und Fleisch. Gebratener Fetakäse auf Blattspinat mit Tsatsiki und Fladenbrot mit 2.400 Kilojoule? Damit könnte ich die Vegetarierin würdig vertreten, aber griechisches Essen steht mir ferner als fernöstliches, eines meiner zahllosen Vorurteile, vermute ich. Und noch einmal fleischlos, Freitag ist: Bratkartoffel mit scharfem Avocado-Dip und Rohkostsalaten hat auch 2.400 Kilojoule? Firmiert unter Mittags-Salat, sieht aber gewaltig aus (meine Informantin schafft den Gewalterdäpfel nicht, hab’ trotzdem nicht gekostet).

 

Blauer Stern Brandstwiete

Warum bleib ich eigentlich nicht bis zum Abend im bunten Wahnsinn? Da gäbe es Rindsroulade mit Rotweinsauce und dazu den schönen Hinweis: “*Bei der Zubereitung wird Alkohol verwendet”. Herr Freeman will offenbar keine Klagen von (durchwegs großen, also gefährlichen) Spiegel-Redakteuren gewärtigen, die bei der Schlussproduktion wegen der Rotweinsauce einen geheimen Akt übersehen. Freitagabendmenü in der Kantine? Ja, wir arbeiten für ein Montagsmagazin! Also, wir, naja: Ich esse bei einem Montagsmagazin, die anderen arbeiten hier vermutlich.

Alkoholismus und Journalismus werden oft in einem Atemzug genannt – beim Spiegel gibt es nicht erst am Freitagabend gefährliche Saucen: Pina-Colada-Creme, das Dessert zum Thaicurry mit weiteren 800 Kilojoule, trägt auch den warndenden Stern. Blauer Stern Brandstwiete, quasi. Wir nehmen Trauben zum Dessert, unvergoren, danke, wir müssen ja noch arbeiten.

 

Hier wird serviert

Was haben Sie gewählt an den zwei Touchscreens? Genau: Das potenziell Proteinhaltigste, also Nudeln mit Scampi und Huhn. Für die etwas verdorrt wirkende Oberfläche der zwei Huhn-Stücke hätte ich keine Sterne verliehen, aber darunter definitiv saftig. Die Scampi kann ich bei dem bunten Ambiente relativ gefahrlos vom Spieß pulen, solange ich sie in irgendeine andere Richtung als mein weißes Hemd zupple. Ich beflecke auch keine Spiegel-Mitarbeiter, nein. Machen wir’s kurz: Keine Offenbarung, aber schwer okay, und zudem nicht schwer, fällt mir überrascht am Nachmittag auf. Respekt, nicht in jeder Kantine selbstverständlich.

Gut, in Herrn Bruggers von mir jedenfalls nicht überschätztem XO isst man ein bisschen origineller Asia-Fastfood. Aber: In der Spiegel-Jausenstation wird mit unvergleichlichem Charme serviert, schön für eine Kantine. Aber 2: Hier wird man – mit echtem Erholungs-Ernst – genötigt, das Mobiltelefon auszuschalten, ein wirklich vernünftiger Mittagspausenbrauch, vielleicht nicht für Spiegel Online, aber definitiv gesund. Respekt! Aber 3: Verner-Panton-Optik unvergleichlich. Aber 4: knappe fünf Euro, halt gestützt, und nur für Spiegel-Mitarbeiter und ihre Mitesser sind auch noch deutlich günstiger als vieles vergleichbar Vernünftige. Herr Müller von Blumencron, Herr Mascolo, Herr Ditz, brauchen Sie vielleicht noch einen Dilettanten? Ach was, ich will auch diesmal nicht nach Hamburg.

Quelle: Harald Fidler, derStandard.at